Holzbüttgen . Ein solches Konzert rundet dir Ausstellung "Exodus-Zyklus" von Marc Chagall in der Holzbüttgener Pfarrkirche Sieben Schmerzen Mariens ab: Am Rande des mehreckigen Innenraums stehen ein Klavier und ein Pult. Am Instrument hat Olga Proujanskaia Platz genommen, und am Pult steht ihr Mann, der Tenor Aron Proujanski. Sie singen und spielen an diesem Abend nicht nur, sondern sie geben Einblicke in fremde Welten. Doch so unbekannt ist diese teilweise nie gehörte Musik gar nicht. Vieles ist auf Anhieb vertraut. Beim Zuhören - und Zuschauen - meint man, in dieser fernen und versunkenen Landschaft schon einmal gewesen zu sein. Soviel Poesie, soviel Gefühl, aber auch so viel Witz. Es konnte natürlich nur die Übersetzung wiedergegeben werden, aller auch darin hat sich noch sehr viel vom Original erhalten. Beide Interpreten sind erfahren und auf den großen Buhnen der Welt zuhause. Sie sind, wie etwas irritierend auf dem Programmzettel zu lesen ist, "verdiente vaterländische Kunstler". Ihr Vaterland ist Russland, und das Künstlerehepaar lebt seit 1992 in Deutschland. Das Programm bot reine Sangeslust, hielt pädagogische Ratschlage bereit, präsentierte praktische Lebensregeln und half auch in der Liebe ein gutes Stück weiter. Tiere spielten eine große Rolle, denn das ist Musik vom Lande. Einen groß?en Raum nahmen Glaubensinhalte ein. Und die sind immer gebunden an Regeln, Riten und an das ganz spezifische mosaische Gottesbild. Wie ein Rabbi sang Aron Proujanski vom Blatt und flocht in seine Darbietung auch die Korpersprache ein. Auf eine vordergründig wenig eindringliche Art kam das sehr anrührend an.
Große und intellektuell fordernde Musik ist das nicht, aber die Kombination mit diesen Texten und die sich einstellenden Assoziationen zeigen Wirkung, Das Publikum hängt dem Sänger an den Lippen bei seinen 22 Liedern und einer unverzichtbaren Zugabe. Die Aufmerksamkeit wurde in dem gut einstundigen Konzert nicht überfordert, dafür sorgten schon die Kürze der einzelnen Stücke, deren Verschiedenartigkeit und die Abfolge. Typisches Beispiel: "Spiel mir ein kleines Lied auf Jiddisch, ein Lied ohne Seufzer und Tränen. Spiel so, dass alle es hören konnen, dass alle sehen: Ich lebe und kann noch singen! Schöner noch und besser als zuvor".
Die Stimme des Tenors ist klar und ausdrucksstark. Wenn erforderlich, wird sie heiter, dann wieder tief und ernst. Selten geht es in einem Stück ohne eine augenzwinkernde Anekdote ab, oft ist ein Appell enthalten oder eine Moral. So ist es beispielsweise mit dem vertonten Psalm 34: "Wer ist der Mensch, der Lust hat am Lehen, Tage liebt. Gutes zu sehen? Wahre deine Zunge vorm Trugreden, weiche dem Bösen, tu Gutes."Und aktuell: "Trachte nach Frieden, jage ihm nach!"